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Religion und Spiritualität

Nachdem nun fast alle fast jederzeit von Ökologie reden und manche Politiker keinen Tag mehr vergehen lassen, ohne sich zur Klimakatastrophe zu äußern, brauche ich es nicht zu tun. Einerseits ist es erstaunlich, andererseits auch beruhigend zu erleben, wie Themen wie ich sie vor Jahren u.a. in „Woran krankt die Welt“ behandelt habe, nun endlich breite Aufmerksamkeit bekommen. Dass darin noch so viele andere Themen neben dem Klimaelend darauf warten entdeckt zu werden, bleibt für mich beunruhigend.
            Heute möchte ich mich einem eher zeitlosen Thema widmen. Ausgehend von der Auseinandersetzung mit den beiden großen Religionen des Ostens Hinduismus und Buddhismus auf der letzten Reise nach Bali ist folgender Artikel entstanden über die Rolle unserer christlichen und anderer Religionen in der Gegenwart.
            Die Vorstellung der hermetischen Philosophie ist es, zur Essenz der Religionen vorzudringen und das Gemeinsame und folglich Verbindliche darin zu finden. Ähnlich wie Alexander von Humboldt die Universität als eine Verbindung von vielen Fakultäten verstanden wissen wollte, die in der Vielfalt der Erscheinungsformen (-versität) das eine (uni-) finden sollten, versuchte die ursprüngliche Esoterik zur einen gemeinsamen Einheit der Religionen vorzudringen. Der Uni, die heute eher eine „Versität“ ist, passierte ähnliches wie der Esoterik, wo sich inzwischen auch verschiedenste Schulen kaum dabei finden, das gemeinsame Eine zu verwirklichen, sondern sich in Fraktionen und Sekten und damit eher in Abgrenzungen ergehen über den vermeintlich richtigen Weg.
            Die Religionen unserer Kultur sind ebenfalls kaum auf der Suche nach Gemeinsamkeiten, wenn man von dem zarten Pflänzchen Ökumene absieht. Gehen wir der hermetischen Erkenntnis folgend, dass im Anfang alles liegt, zurück zu den Wurzeln, finden sich gute Erklärungen für vieles, was uns in diesem Bereich heute umtreibt.
            Beim Blick zurück fällt sogleich viel Gemeinsames auf. Karl Jaspers prägte den Begriff der Achsenzeit (800– 200 v. Chr.), in der sich in vier großen Kulturen annähernd zeitgleich und doch räumlich weit voneinander getrennt die großen Religionen der Gegenwart bereits heraus zu kristallisieren begannen. In China war es die Zeit von Konfuzius und Laotse, die die Grundlagen der chinesischen Philosophie legten. In Indien begann der Buddhismus sich auf dem Boden der bereits von den Upanishaden geprägten hinduistischen Kultur auszubreiten. Im vorderen Orient traten in Israel die Propheten der Bibel auf. Im Iran lehrte Zarathustra seine von der Polarität und dem Kampf zwischen gut, Ahura Mazda, und böse, Ahriman, geprägte Religion. In Griechenland entstanden in dieser Zeit die großen homerischen Epen der Ilias und Odyssee, während Philosophen wie Thales von Milet, Platon und Aristoteles die Grundlagen des heutigen europäisch-abendländischen Denkens schufen. Es ist die Zeit der antiken Polis und der Idee der politischen Freiheit, die uns bis heute erfüllt und umtreibt. Bei uns im Westen geboren, hat sie nur hier wirklich starke Wurzeln schlagen können, während andere Kulturen sich mit ihren „Demokraturen“ bis heute eher quälen.
            Die Religionen bieten neben dieser beachtlichen Gleichzeitigkeit viel mehr Parallelen als Trennendes. Wie das Judentum die Wurzeln des Christentums und des Islam in Gestalt des alten Testamentes bildet, liefert der Hinduismus dem Buddhismus die Basis, ist gleichsam sein altes Testament. Allerdings setzten die östlichen Religionen von Anfang an mehr auf Integration verglichen mit den ausschließenden Tendenzen der dem Judentum entwachsenen Religionsgemeinschaften. Darin liegt bis heute ein zentraler Unterschied zwischen Ost und West.
            Als der historische Buddha Gautama die hinduistische Welt Indiens mit seiner die alte Tradition radikal in Frage stellenden Lehre in Bewegung brachte – er lehnte mit den Kasten und der priesterlichen Privilegienwirtschaft deren Rückgrat ab – antworteten die Hindu-Priester statt mit Aggression und Krieg mit einer Umarmungsstrategie. Die Brahmanen, die auf den komplizierten Schriften der Veden aufbauend ihre Pfründe bestens abgesichert und folglich viel zu verlieren hatten, kämpften trotzdem nicht gegen diese neue, die eigene Meditationserfahrung in die Mitte rückende und sie selbst ins Abseits schiebende Lehre, sondern nahmen sie bei sich auf. Kaum war der Buddha gestorben, wurde er zum Avatar des hinduistischen Gottes Vishnu erklärt. Die Zeit hat dieser sanften Strategie Recht gegeben, denn heute ist der Buddhismus in seiner Heimat Indien kaum noch vorhanden. Auf seine ebenfalls sanfte Art hat er sich in Länder wie Thailand und Japan ausgebreitet. Dabei hat er den Hinduismus als sein altes Testament aufgesogen und integriert, weshalb heute in Thailand Tänze des hinduistischen Ramayana-Epos zur Tradition gehören. Ähnlich wie die Hindus Buddha zu einem ihrer Avatare machten, bedienten sich gleichsam als Ausgleich Buddhisten bei den Avataren Vishnus wie eben Rama.
            Aus dem religiösen Urgrund drangen obendrein alte animistische Wesenheiten hervor und schenkten etwa dem Buddhismus Thailands ein buntes deutlich religiöses Gewand, wobei der reine Buddhismus eigentlich nur pragmatische Philosophie und keinesfalls Religion sein wollte. Die Bevölkerung brauchte aber eine bunte Religion zur Alltagsbewältigung und bastelte sie sich aus den vorhandenen Einzelteilen zusammen.
            Das Phänomen verschiedener religiöser Schichten findet sich weltweit. In Tibet mischte sich der Vajrajana-Buddhismus unter die schon lange existierende Bön-Religion, wovon bis heute seine Tradition der Schwarzmützen-Sekte kündet. Mit dieser Vermischungstaktik hat sich der Osten eine für westliche Menschen verblüffende Friedlichkeit bewahrt. Gegenseitige Umarmung, Durchdringung und Integration statt Abgrenzung führt offenbar zu menschlicheren Ergebnissen. Das Bodenpersonal östlicher Gottheiten ist entsprechend vereinnahmend statt ausgrenzend, mit all den Schattenseiten, die das wieder mit sich bringt.
            Auch der Westen kennt diese Schichtung der Religion. Im ganz konkreten Untergrund fast aller bedeutenden christlichen Kathedralen und Dome stoßen wir auf Grundmauern heidnischer Tempel, die von den kriegerischen Christen eben bis auf diese niedergemacht wurden. Darüber hinaus setzte man sich mitten ins gemachte Nest und verwendete auch dieselben Zeiten für zentralen Feste. Aber nicht Koexistenz, sondern aggressive Verdrängung und leider oft auch blinde Zerstörungswut waren dabei bestimmend. So wenig zimperlich wie die Christen mit den vorgefundenen Tempeln, gingen sie mit deren Priestern um. Wo aber Ausrottung statt Integration das Ziel war, entstand ein gewaltiger Schatten, wie immer wenn etwas aus der Welt geschafft werden soll.
            Langfristig waren die Religionen des Ostens mit ihrer Synthesestrategie ungleich erfolgreicher. In dem gemeinsamen Lebensraum fanden alle Glaubensrichtungen parallel ihren Bereich und es entstand ein starkes und bis heute lebendiges Feld von vergleichsweise tiefer Religiosität. Die aus dem Judentum entstandenen Religionen lebten dagegen in ständiger kämpferischer Auseinandersetzung mit Gott und der Welt und konnten auch wegen ihrer massiven Aggression untereinander ihrer Existenz nie wirklich sicher sein.
            Die große Göttin des Matriarchats, deren Einfluss mit beinahe allen Mitteln ausgemerzt werden sollte, hat sich dezent in den Schatten zurückgezogen und klamm heimlich die christliche Religion unterwandert. Wenn die christliche Jungfrau Maria in so vielen schwarzen Madonnen verehrt wird, wäre einmal die Frage lohnend, wo das seine Wurzeln hernimmt. Daneben eifern immer mehr moderne Frauen der großen Göttin figürlich nach, dem Abbild der Venus von Willendorf unbewusst folgend. Pan, der alte raffinierte Naturgott, lässt in beängstigend zunehmenden Pan-ik-Attacken von sich hören.
            Dort wo es vom Polaritätsdenken unbeleckte Berufschristen wohl am wenigsten vermutet hätten, an den heiligsten christlichen Festen kommt mittlerweile und in dem Maß wie die christliche Kraft erlahmt, altes Heidentum wieder hervor. So lange bis auf den Tod bekämpft, ist es doch so lebendig wie eh und je. Weihnachten, der Geburtstag des Heilands, steht schon längst wieder im Zeichen heidnischer Symbole. Christbäume mutieren zurück zu Weihnachtsbäumen, den Lichterbäumen ältester Zeit, die die Weihe-Nacht des Wintersolstitiums wie eh und je erhellen und als immergrüner Bäume die Stärke des Lichtes demonstrieren. Selbst in tiefster Dunkelheit bleibt der Keim des Lichtes lebendig und unbesiegbar. Im Eleusis der Antike hallte es bereits durch diese Nacht: „die Jungfrau hat geboren!“ Das meinte man damals nur nicht so wörtlich, sondern symbolisch. Unter jenen Lichterbäumen, die schon in alter Zeit keltische Druiden mit Lichtern und Lebkuchen behängt hatten haben sich die christlichen Krippen schon weitgehend verabschiedet. Übrig blieb nur die Weihnachtsgans, das Symboltier der germanischen Totengöttin Hel, die das Märchen als Frau Holle kennt. Wenn diese ihre Gans rupft, schneit es auf Erden, wissen alle Kinder und folgen damit dem alten germanischen Mythos. Bis heute hat die Weihnachtsgans ihren festen Platz als Festbraten beim Fest. Das hat heute natürlich mehr mit Völlerei als mit Verehrung der Totengöttin Hel zu tun. Christlich ist das aber beides nicht. Verdrängte und scheinbar niedergerungene Religionen enthüllen praktisch immer ihre scheußlichsten Schattenseiten, während integrierte ihre schönen Seiten durchblicken lassen. Wo Buddhisten in hinreißenden Liedern und Tänzen das Ramayana der hinduistischen „Konkurrenz“ genießen, blicken wir in den Abgrund des Schattens wenn wir an die Zusammenstöße zwischen Christen und Germanen, Juden und Muslimen denken. Selbst untereinander sind sich die christlichen Religionsgemeinschaften oft noch spinnefeind, wie Nordirland oder Spanien demonstrierten.
            Kaum vorstellbar, aber Ostern, dem allerheiligsten Fest der Christenheit ist es noch schlechter ergangen. Das frühere Frühlingsäquinoktium hat die christliche Passion im Mehrheitsmedium Fernsehen längst überholt. Im Bewusstsein der Mehrheit spielt sie inzwischen eine untergeordnete Rolle. Der gute alte Osterhase hat dagegen seine großen Auftritte eher noch ausgebaut und erreicht über die Herzen der Kinder alle Schichten der Bevölkerung. Dieser eigenartige Eier legende Hase symbolisiert als heidnisches Fruchtbarkeitssymbol in der Zeit des Frühlings die Wiedergeburt der Welt aus dem Weltenei. Dass Hasen in Wirklichkeit keine Eier legen, sondern im Gegenteil erstaunlich viele lebende Junge gebären, tut der Symbolträchtigkeit keinerlei Abbruch. Mit doppeltem Uterus ist die Häsin ein Wunder der Fruchtbarkeit wie auch ihr Partner, der berüchtigte Rammler. Beide erinnern an die fröhliche Fruchtbarkeit und alte Symbolik der Beltane-Feuer oder an balinesische Riten, wo sich die Menschen auf den Feldern liebten, um deren Fruchtbarkeit zu steigern und wohl auch ihren Spaß zu haben. Osterhasen aus Zuckerguss oder Schokolade werden die christlichen Versionen des Frühlingsäquinoktiums wohl überdauern. Sie waren schon lange vorher da und nur vorübergehend untergetaucht.
            Insofern durchweben sich auch bei uns Religionen, nur nicht so friedlich und integrativ wie im Osten. Es ist müßig, sich rückwirkend zu fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, zu integrieren, statt zu eifern und zu zerstören. Der Kampf hat die Konkurrenz zwar für 2000 Jahre niedergeworfen, aber nur um ihr gegenüber spät und unerwartet doch noch den Kürzeren zu ziehen.
           Sehr viel früher und lange vor dem Auftauchen des aggressiv-offensiven Christentums hat auch bei uns im Westen Integration vorgeherrscht. Auf Island, der letzten heimlichen Bastion germanischer Gottheiten und Naturgeister-Religiosität, wird das noch deutlich. Bis in die Gegenwart wird dort bei Straßenplanungen auf Behausungen von Feen und Gnomen geachtet. Im Untergrund und in den Herzen lebt die alte germanische Tradition weiter.
           Als die fest in dieser Tradition gegründeten Isländer den aggressiven Ansturm des Christentums zu spüren bekamen, hielten sie eine Volksabstimmung über die Frage ab, ob das Christentum besser anzunehmen oder abzuweisen sei. Nach dem unentschiedenen Ergebnis löste der herausragendste Weise der Insel das Problem auf integrative Art. Seine germanische, in tiefer Innenschau gefundene Lösung sah vor, äußerlich das Christentum für das ganze Land anzunehmen, um Kämpfe zu vermeiden, und die alten Götter mit sich nach innen in Herz und Seele zu nehmen. Der Weise selbst zog sich mit ihren Statuen zurück, um sie im Godafoss, dem Wasserfall der Götter, zu versenken. Die Figuren wurden so in die Seelenwelt des Wassers gesenkt, während der Geist der Religion in die Seelen der Menschen gesenkt wurde.
        Im modernen Island lebt bis heute der alte Glaube innen, in den Herzen weiter, außen aber wurden kleinen Kirchen gebaut, um die christlichen Eiferer zu befriedigen. Isländer sind stolz, niemals Krieg und nicht einmal Militär auf ihrer Insel zugelassen zu haben. Ihr und wahrscheinlich jeder stabile Frieden wurzelt in der Fähigkeit zur Integration. So verwundert es wenig, dass Island das allgemeine Wahlrecht für Frauen lange vor anderen europäischen Nationen eingeführt hat. Mit besonderer Genugtuung verweist man darauf, über 100 Jahre vor den Schweizern soweit gewesen zu sein.
            All das spiegelt sich auch in einer Religion, die generell eher versöhnlich zwischen den Geschlechtern zu vermitteln suchte. Als die patriarchal-organisierten Asen um Odin und Thor den matriarchal lebenden Wanen um Freya und Njörd zu nahe traten, gab es statt eines Krieges mit Götterdämmerung einen Kompromiss und man teilte sich die Sitze im germanischen Himmel. Dass die Nazis mit ihrem Kult diese Religion so in Misskredit brachten, ist ein Drama für uns, ihre Erben. In der seelischen Not haben wir bei den Mythen der Antike Zuflucht genommen, die eher mediterranen Menschen auf den Leib geschnitten und in die Seele komponiert sind. Immerhin wächst Hoffnung aus der Tatsache, dass auch an unserer religiösen Wiege Versöhnung vor Kampf und Krieg kam.
            Das Gesetz der hermetischen Philosophie, dass im Anfang alles begründet liegt, kann einem im Hinblick auf den Ursprung von Christentum und Islam geradezu Angst machen. Der gemeinsame Stammvater Abraham konnte lange Zeit mit seinem Weib Sarah keine Kinder bekommen. Erst im hohe Alter von 86 Jahren gestattete ihm Sarah bei seiner ägyptischen Sklavin Hagar zu liegen, um mit ihr ein Kind zu zeugen. Ismael, das Kind dieses Kompromisses, ist folglich Abrahams Erstgeborener. Er galt rechtlich als Sohn Sarahs. Nun aber inszenierte Jahwe, der Gott des alten Testamentes, eine Verwicklung mit enormen Auswirkungen. Er schenkte den greisen Eheleuten doch noch ein eigenes Kind, nämlich Isaak, der folglich Abrahams Zweitgeborener war. Sarahs Eifersucht veranlasste Abraham, seinen Erstgeborenen, Ismael, mit seiner leiblichen Mutter Hagar zu vertreiben. Abraham ließ sich von seinem eifernden Weib zu diesem Unrecht verleiten. So wurde Isaak zu seinem Erstgeborenen und Stammvater der Juden und damit auch der Christen. Ismael dagegen, der eigentlich Erstgeborene und Vertriebene wurde Stammvater der Ismaeliten oder Araber und damit der Muslime. Ihm prophezeite Jahwe, dass Not und Kampf sein Leben bestimmen würden, aber auch eine große Nachkommenschaft. Die Ismaeliten lebten als Vertriebene in der Wüste Paran, wo sie ein kärgliches Nomadenleben fristeten, ohne je Ruhe zu finden. Diese herumziehenden Wüstenstämme werden in der Bibel zum ersten Mal in der Zeit der Richter als Feinde Israels bezeichnet.
            Die heutige Feindschaft zwischen Juden und Arabern erscheint vor dem Hintergrund dieses Mythos in einigen Punkte klarer. Nachkommen des zurückgesetzten und ausgestoßenen Erstgeborenen kämpfen noch immer um ihr Recht und Anerkennung. Vom Makel des widerrechtlich Zurückgesetzten haben sie sich nie wirklich befreien können. Aber wie vorausgesagt sind die Ismaeliten sehr viele geworden und werden noch ständig mehr, eines der Hauptprobleme der heutigen Israeliten.
            Ismael bleibt zeitlebens innerlich gebunden und kommt sogar zur Beerdigung seines Vaters Abraham, der ihm so wenig wohl gesonnen war. Christen erben einerseits diesen Mythos als Nachfahren der Juden, andererseits haben sie eine ständige eigene Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft. Denn ihr Prophet, Christus, als solchen sehen ihn jedenfalls ihre muslimischen Verwandten und nennen ihn voller Achtung Isa, wird von den Juden sogar ermordet. Insofern ist es mytho-logisch nachvollziehbar, wenn Christen und Araber in ständiger Auseinandersetzung mit ihren gemeinsamen Wurzeln hadern. Bei den Muslimen geht es dabei um ihr Lebensrecht und die von Anfang an verweigerte Anerkennung. Bis heute kämpfen sie aber auch um den damals schon verweigerten Lebensraum als Nachfahren des Erstgeborenen und um sein Erbe betrogenen Ismael. Bei den Christen ging es oft genug um Rache für den Mord an Jesus Christus. Begegnen sich aber Muslime und Christen, sind erstere in der Rolle der Erben der entrechteten und vertriebenen Underdogs, letztere in der der vorgezogenen und bevorzugten Nachfahren Isaaks.
            Immerhin auffällig, dass Gott Jahwe hinter all dem als Initiator steht! Es handelt sich hier ganz offensichtlich um eine Inszenierung, an der Menschen lernen und wachsen sollen.

Wo wir Religionen in ihrem Eigenleben seit der Achsenzeit betrachten, ihnen sogar eine zur menschlichen analoge Entwicklung zugestehen, erkennen wir Geburtswehen und Pubertät, aber auch Midlife-Crisis und Alter. Besonders die Geburten prägen – wie bei Menschen –  auch bei Religionen die spätere Entwicklung. Da löst sich ein Gautama Buddha friedlich von seiner Familie, um eine in Kasten gespaltene Welt in sanften Tönen und Übungen zu versöhnen. Er findet Anerkennung und Verehrung und hinterlässt seinen Nachfolgern einen friedlichen, auf Meditation gegründeten Auftrag, den sie friedlich umsetzen, ihn aber auch abwandeln und ihren Bedürfnissen anpassen. Viel mehr Aggression als eine Selbstverbrennung aus Protest gegen den Vietnamkrieg kann da kaum passieren. Buddhisten greifen kaum zum Schwert, sondern fliehen eher wie heute vor der brutalen Unterdrückung durch die Chinesen in Tibet. Allerdings ist der tibetische Glaube trotz aggressivster und brutalster chinesischer Kolonialpolitik im Innern der Menschen ungebrochen.
            Christus wurde verfolgt, gefoltert und umgebracht, und seine Anhänger erbten dieses Schicksal in den Verfolgungen zuerst durch die Juden und dann vor allem durch die ungleich brutaleren Römer. Sie litten schwer und ließen später andere dafür büßen, als sie dann durch Kaiser Konstantin selbst Macht bekamen. Auch Mohammed musste hart kämpfen und seine Anhänger tun es ihm bis heute nach. Sie trampeln sich sogar ziemlich regelmäßig auf der Hadsch, ihrer Pilgerreise nach Mekka, bei Paniken tot und zerfleischen sich gegenseitig wie gerade im Irak.
            Die Pubertät der Religionen ist – wie bei den Menschen – weitgehend von Geburt und Kindheit geprägt. Das Christentum durchlebte seine Sturm und Drangzeit in der Epoche der Kreuzzüge und den offenbar dazugehörenden eifernden Fanatismus in der Inquisition. Einiges lässt vermuten, dass der eigentlich erstgeborene, aber dann doch später auf die Welt gekommene Islam gegenwärtig heftig pubertiert. Und natürlich wehren sich die Eltern mit all ihren sehr beschränkten autoritär militärischen Mitteln dagegen. Die islamischen Nationen sind auch tatsächlich von vielen jungen Menschen geprägt, während die christlichen Kulturen sichtbar überaltert sind.
            Wenn wir diese sich in Analogien ergehende Betrachtungsweise nun auch noch speziell auf unser christliches Erbe anwenden, kann uns die Basis unserer Kultur noch bewusster und klarer werden. Auch hierbei handelt es sich um eine große Inszenierung, die gedeutet, verstanden und als Lernaufgabe angenommen werden kann.
            Den 12 Archetypen oder Urprinzipien entsprechend folgten Christus 12 Jünger. Bei einigen wird der urprinzipielle Charakter besonders deutlich wie etwa bei Thomas, dem Zwilling und Zweifler. Als einziger darf er nach der Auferstehung die Hand an die Wundmale der Kreuzigung legen, damit auch er seine notorischen mit seinem Archetyp verbundenen Zweifel überwinden und seinen Herrn erkennen kann. Christus kennt seine Pappenheimer und gibt jedem seine Aufgabe und seinen Platz im Leben und in seiner Nachfolge. Johannes nennt er den Jünger, der seinem Herzen nahe ist. Vielleicht weil er derjenige ist, der die spirituelle Essenz seiner Lehre am besten erkennt. Ihm wird er bei seinem Ende am Kreuz die beiden Frauen seines Lebens anvertrauen, seine Mutter Maria und Maria Magdalena. Und er nimmt ihn auch oft gegenüber Petrus in Schutz, der ihn und vor allem seine Lehre kaum versteht und offenbar eher einen politisch-militärischen Aufstand gegen die Römer plant, eine Art Revolution. Nachdem Christus seine Jünger im Garten Gethsemane noch einmal um sich versammelte und darauf hingewiesen hatte, dass sein Werk nun fast vollendet sei und sie beim letzten Akt keinen Widerstand leisten mögen, ist es Petrus, der ihn ein weiteres Mal missversteht, sein Schwert zieht und auf einen römischen Soldaten losgeht. Zum Glück ist er offenbar auch kein versierter Kämpfer und schlägt ihm nur das Ohr ab. Als er Christus zum allerletzten Mal trifft, sagt der ihm voraus, dass er ihn bereits dreimal verleumdet haben würde, bevor der Hahn drei mal krähe. Petrus weist das weit von sich. Aber immerhin erkennt er kurz darauf, als der Hahn zum dritten mal kräht, dass er seinen Herrn wirklich bereits dreimal verleumdet hatte. Solch kurze Momente des Erkennens zeichnen dann auch seine Nachfolger aus, die ansonsten so sehr von diesem Anfang geprägt sind.
            Aber trotz alledem und obwohl er all das natürlich schon voraussieht, baut Christus seine (äußere) Kirche auf diesen Felsen, Petrus, von dem er weiß, dass er ihn von Anfang an nicht versteht und später dauernd verleumden würde und das noch nicht einmal selbst durchschauen kann. Gleichzeitig baut er auf Johannes jene innere Kirche, die keine weltliche Macht und keine Dome und Tempel braucht, die aber stattdessen weiß, dass das Himmelreich Gottes in uns liegt.
            Auch das also eine große Inszenierung! Geschaffen offenbar, damit wir uns und unser Muster erkennen und Konsequenzen daraus ziehen können. Denn nur wer sein Muster durchschaut, kann sich davon Schritt für Schritt distanzieren und letztlich frei werden.
            All diese Überlegungen könnten uns helfen, unseren eigenen Weg zu erkennen, wo immer wir mit diesen Mustern konfrontiert werden. Dass sie bis in unsere Zeit wirken, liegt in ihrer Natur. Wenn wir im Westen die Wahl zwischen einer integrativen Konsenslösung und einer konfrontativen Auseinandersetzung haben, wählen wir von unserer Resonanz her offenbar bisher eher die schmerzhaftere Entweder-Oder-Variante. Das ergibt sich aus unserer Geschichte, aber auf die Dauer können wir uns das kaum noch leisten. Es wäre an der Zeit, uns wieder unserer ältesten Wurzeln zu besinnen und auf Synergien und Integration zu setzen.
            Eine Station aus der Wissenschaftsgeschichte mag das verdeutlichen. 40 Jahre vor Darwin hat der französische Evolutionsforscher Lamarck, die Kooperation und Neigung zu Synergien in der Entwicklung der Natur neben dem Konkurrenzprinzip entdeckt, wurde dafür aber vor allem lächerlich gemacht. Als vier Jahrzehnte später Darwin sein nur auf Konkurrenz und dem Recht des Stärkeren aufbauendes Modell präsentierte, wurde er zum Helden der Wissenschaft und seine einseitige Naturbetrachtung zu der Weltanschauung schlechthin. Das hatte viel weniger mit Ihrer Richtigkeit zu tun, als mit der Resonanz des Westens zu kämpferischen und einseitigen Lösungen.
            Jetzt allmählich müssen wir Lamarck immer mehr rehabilitieren und Darwin ergänzen, der übrigens selbst seinen Fehler noch auf dem Totenbett bekannt hat. Aber seine eigene Korrektur war offenbar unerwünscht, die einseitig kämpferische Betrachtung passte soviel besser ins Schema. 
            Heute aber müssten wir uns auch als Kollektiv allmählich in die Lage versetzen, dieses Muster zu durchschauen, um zu unseren Wurzeln zurückzufinden, dem anderen, weiblichen Pol ebenfalls eine Chance zu geben und so einen Ausweg aus unserer selbst geschaffenen Misere zu finden. Die alte germanische Religion könnte uns den Weg ebenso weisen, wie die Lösungen des Ostens. Das wäre nur gerecht, schließlich hat der Osten soviel von uns an Know-How übernommen, nun wären wir reif für einige östliche Erfahrungen und Einsichten. Besser spät, als nie.

Aus: DAHLKE-INFO No. 02/2007

 

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