Oster-Frieden, Freiheit und Tibet

Eine groteske Nachrichtenmischung machte uns kürzlich zu schaffen. Weltweit feierten Christen Ostern und verbanden es mit Friedens- und Segenswünschen für die Welt. Zugleich schlug die chinesische Führung mit gewohnt brutalen Mitteln die Proteste in Tibet nieder, wobei schon zu Beginn von über 100 Toten die Rede war. Bald wird gar keine Rede mehr sein, denn die chinesischen Potentaten haben in ihrer totalitären Allmacht fremde Reporter des Landes verwiesen, um keine weiteren Zeugen zu haben. Darauf, solche Gestalten Politiker zu nennen, möchte ich an dieser Stelle verzichten, es würde andere politische Menschen nur unnötig herabsetzen. Wer so handelt, hat offenbar üble Absichten. Die naiv-dummen Propaganda-Sprüche chinesischer Machthaber klingen wie Hohn in den Ohren von Menschen, die den Dalai Lama als eine der wenigen jenseits aller Zweifel integren Persönlichkeiten der großen Politik schätzen gelernt haben.

Von offizieller westlicher Seite bleibt leider nicht viel mehr als die gewohnt lauwarmen Proteste und betretenes Schweigen. Auch die wenigen charakterfesten Politiker, die sich immerhin noch trauen, dem Dalai Lama öffentlich die Hand zu reichen, wie die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, schweigen bedrückend. Wie die Maus vor der Schlange, stehen sie wieder einmal gebannt vor der Wirtschaftsmacht China und machen ihren peinlichen Kotau vor dem Geld.
Dabei wäre es vielleicht die letzte Chance, eines der brutalsten Regime, das die Welt gesehen hat, in die Schranken zu weisen. Parallelen zu den Olympischen Spielen von 1936 sind erschreckend und nicht zu weit hergeholt. Auch damals hat es ein schon absehbar menschenfeindliches Regime geschafft, sich mittels Olympia vor der Welt ein friedliches Mäntelchen umzuhängen und von seinen brutalen, jede Menschenwürde verachtenden Machenschaften abzulenken.

Die Tibeter mag es nicht direkt vor der Bedrohung durch die chinesische Übermacht retten, aber es wäre ein Zeichen, das die Welt aufrütteln könnte, wenn die Olympiade in Peking schlicht und einfach abgesagt würde oder – falls möglich und für die Sportler ungleich fairer – noch einmal in Sydney stattfände. Dort hat man gezeigt, dass man es kann und immerhin weiß, was mit den Menschenrechten gemeint ist.

Ein Boykott der Olympiade wäre eigentlich viel zu wenig, man sollte gleich die ganze olympische Idee vor diesem Regime in Sicherheit bringen. Die rechtlichen Voraussetzungen dafür sind erfüllt, denn die chinesische Führung hatte sich in den Geschäftsbedingungen für die Vergabe der Olympischen Sommerspiele verpflichtet, die Menschenrechte und umfassende Freiheit der Berichterstattung zu gewährleisten. Jacques Rogge, der Boss von Olympia, hätte also die Handhabe, jetzt bräuchte er nur noch den Mut. Nach solch einem Schritt wären vielleicht sogar die chinesischen Diktatoren redebereiter. Der Dalai Lama hat seine Bereitschaft dazu gebetsmühlenartig wiederholt und tut es auch jetzt wieder händeringend.

Soweit so schlecht! Was können wir persönlich tun in dieser bedrückenden Situation? Wir könnten zumindest unsere eigene Betroffenheit verstehen und einordnen lernen. So betroffen kann nur sein, wer das Thema kennt und damit zu tun hat(te). Immerhin ist es gerade einmal ein halbes Jahrhundert her, seit die Geheimdienste Englands und Frankreichs das Flugzeug von Dag Hammerskjöld, dem schwedischen UNO-Generalsektretär, abschießen ließen, weil er, ein bekennend spiritueller Mensch, sich zu entschieden gegen den Kolonialismus wandte.

Heute wissen wir natürlich wie ungeschickt das ganze Machttheater um die Kolonialreiche war und wie es nicht nur den unterjochten Völkern, sondern auch den Mutterländern selbst geschadet hat. Die chinesischen Machthaber haben das bis heute noch nicht begriffen und verteidigen - wie damals die westlichen Kolonialmächte - ihr zusammengestohlenes Reich mit brutaler Gewalt. Sie halten sich sogar noch etwas darauf zugute, dass sie eines der letzten religiös lebenden Völker von der Religion befreien wollen. Tibet mit seiner uralten Kultur, die eben noch von einem praktizierten Kult zusammengehalten wird, provoziert moderne rein wirtschaftlich denkende und handelnde Machtsysteme. Das ist aber wohl auch genau der Grund, warum es vielen Menschen in der spirituellen Szene so ans Herz gewachsen ist. An Chinas Rändern gibt es durchaus noch andere unterdrücke Völker, die ähnlich leiden und von denen wir wenig hören und wissen.

All das müsste eigentlich weltweit religiöse Menschen auf den Plan rufen und zu Solidarität ermutigen. Doch bisher wurde von den Kirchenführern diesbezüglich wenig gehört. Der Papst schwieg wie der Rest. Sollten auch sie die ungeheuerlich wachsende chinesische Wirtschaftsmacht fürchten? Oder sind wir einfach insgesamt zu träge geworden, unsere Werte zu verteidigen und aktiv für sie einzustehen und sogar zu –treten?

Expansionsstreben auf der äußeren materiellen Ebene ist immer daneben und erreicht das Gegenteil des Angestrebten. Das gilt für die Staaten im Makrokosmos wie für einzelne Menschen und ihren Mikrokosmos. Auch wer dort auf körperliche Expansion setzt, endet im Elend der Fettsucht und sein System wird früher als nötig zusammenbrechen.  

Wozu wären in dieser Situation speziell spirituelle Menschen aufgerufen? Wir könnten natürlich betrachten, in wie weit dieses vor aller Welt ablaufende Drama – je nach Resonanz - auch dem eigenen Leben entspricht. Immerhin haben wir (fast) alle einen, wenn auch meist kleinen noch lebendigen religiösen Anteil in uns, der häufig unterdrückt, nicht so recht zu seinem Lebensrecht kommt. Der Vajrajana-Buddhismus Tibets ist sicher ein gutes Beispiel für lebendige und gelebte Religion in der äußeren Welt, und China ein äußerst stimmiges für jene autoritären Bestrebungen, am wesentlichen vorbei vordergründige Machtstrukturen zu erhalten. Wenn beides auf einander trifft, steht der Sieg praktisch schon fest. Und siegen nicht auch bei uns meist die inneren Chinesen und bringen das religiöse Leben in Gefahr zu versiegen? Während brutale menschenverachtende Machthaber Panzer über die Religion rollen lassen, entziehen wir ihr meist „nur“ die Zeit und die inneren Räume zur Entfaltung.    

Natürlich müssen wir auch etwaige persönliche Reisepläne nach China und Tibet überdenken, das werde ich auch persönlich zu tun haben angesichts dieser Lage und unsere 2009 geplante China-Tibet-Reise absagen. Wobei wir manchmal auch trotzdem reisen sollten, um dann eben in China nach Tibet zu fragen, in Japan nach den Walen, in Australien nach den Aborigines und in Deutschland nach der Überwindung der Schatten der Vergangenheit. Gerade diese könnten deutschsprachige Menschen animieren, besonders vorsichtig mit autoritären, die Menschenwürde mit Panzern verwaltenden Regimen zu sein.
Und wir könnten unsere äußere Schwäche in innere Stärke wandeln und in diesen unfriedlichen Oster-Tagen, wenigstens auf inneren Frieden setzen in der Hoffnung, dass er den äußeren anstoßen möge. Es wäre ganz im Sinne des tibetischen Buddhismus, in so schweren Tagen für das kleine geschundene Bergvolk sein Om mani padme Hum zu summen, und Reiki- und Deeksha- und all die anderen Meditationsenergien in Richtung Himalaya zu richten. Das werde ich gerne tun und Sie, liebe Leser, möchte ich dazu animieren.

Wenn Millionen Meditierende in dieser Welt morgens und abends und wann immer ihre innere Kraft mobilisieren und auf den Schwingen der Gedanken nach Tibet senden, wird das chinesische Panzer wahrscheinlich nicht stoppen. Aber es kann helfen, an einem Feld zu bauen, wo Militärdiktaturen keine Chance mehr haben, weil sie in den Entscheidszentralen der Welt weder Nachsicht noch erst recht Unterstützung finden, wie leider heute noch, wo das Geld die Welt regiert und keine Rücksicht auf Menschenrechte nimmt. Die großen Entscheidungen werden bei uns gefällt und können auch nur bei uns in einem entsprechenden Feld beeinflusst werden. Was China angeht, werden wir diese Chance nicht mehr lange haben. Felder aber werden von einzelnen Individuen und ihrer geistig-seelischen Kraft aufgebaut und wir könnten jeder für sich beginnen.  

Und all das braucht uns überhaupt nicht zu hindern, unsere äußere Stimme gegen Unmenschlichkeit, gegen chinesische und alle andere Gewalt zu erheben, genau wie es seine Heiligkeit, der Dalai Lama tut, der alle Gewalt ohne Unterschied verurteilt.
Und wir könnten noch einige kleine einfache Dinge tun, die uns nicht weh tun und doch – mit einem Feld im Rücken – enorme Wirkungen entfalten könnten. Wie leicht etwa wäre es, auf alle Waren „made in China“ zu verzichten. Auch das werde ich gern tun und möchte sie auch dazu einladen. Wenn das eine Grundhaltung im Westen würde, könnte sich im Osten einiges tun und die chinesischen Machthaber würden noch lieber verhandeln. In der Therapie muss man die Patienten immer dort abholen, wo sie sind. So müssen wir eben auch eine Sprache sprechen, die Potentaten verstehen, und das wäre die des Wirtschaftsboykotts.

Aber wir sollten auch den Dialog mit ihnen, die uns so bereitwillig eigene Schatten spiegeln, suchen und eine Petition an den chinesischen Präsidenten senden. So würde er mitbekommen, dass der Welt(öffentlichkeit) das Schicksal Tibets am Herzen liegt und die chinesische Machtorgie als solche durchschaut ist. Klicken Sie auf den untenstehenden Link um die Petition zu unterstützen -- und erzählen Sie es weiter.
 http://www.avaaz.org/de/tibet_end_the_violence/98.php/?CLICK_TF_TRACK            

Wenn wir jetzt nur verzweifelt und traurig sind, wozu aller Grund besteht, nützen wir doch den Tibetern weniger, als wenn wir einerseits (als politische Menschen) im Außen das uns Mögliche tun. Und andererseits (als spirituelle Wesen) auf den inneren Ebenen wach und für sie da sind, wenn wir ihre Mantren in allen Mündern und Herzen schwingen lassen wie sie in jedem Moment ihre Gebetsfahnen in allen Winden wie eben auch jenes auch uns schon so vertraute Om mani padme Hum.

Nachrichten aus unserer kleinen Welt:
Auch hier hatten wir an der Felder-Idee gearbeitet. Und ich danke allen, die sich an der Weitersendung des letzten Rundbriefes beteiligt haben. So kann ich doch immerhin über 700 neue Gäste zu diesem Rundbrief begrüßen. Herzlich willkommen und vielen Dank!

Natürlich wäre es auch bei diesem Rundbrief wichtig für die Tibeter, wenn Sie ihn oder doch seine Botschaft weiterleiten an möglichst viele Freunde und Gleichgesinnte und solche, die es werden wollen.

Lassen wir gemeinsam das Feld der Bewusstheit wachsen, um in Zukunft innen und außen zunehmend in Einklang zu bringen in uns und in einer sich entwickelnden Welt!

Ihr Ruediger Dahlke

Aus: DAHLKE-INFO vom 27. März 2008